Politik

Merkels magische Momente an der Spitze der CDU

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Als ihr Aufstieg begann, waren die Postleitzahlen noch vierstellig

Quelle: BILD
4:20 Min.

In Hamburg, dem Geburtsort von Bundeskanzlerin Angela Merkel (64, CDU), schließt sich heute der Kreis einer beispiellosen Partei-Karriere.

Es war am 1. Oktober 1990 in Hamburg, am Rande des CDU-Parteitags zur Wiedervereinigung, als Merkel sich als „ehemalige Pressesprecherin des Demokratischen Aufbruchs“ und Mitarbeiterin des letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière vorstellte. Am Abend, im Hamburger Ratsweinkeller, kam es zu einem langen Gespräch mit Einheitskanzler Helmut Kohl († 2017), der im „Männer-Club“ der Christdemokraten ihr Mentor werden sollte.

„Kohls Mädchen“ wurde Merkel wenig später in ihrem ersten Ministeramt genannt, und manche dachten, dass die junge Ost-Frau mit dem merkwürdigen Haarschnitt niemals über diese Rolle hinauswachsen würde.

Wie sich die Herren täuschten!

In Hamburg sagt man Tschüß …

28 Jahre später wird in der Hansestadt heute Merkels Nachfolger an der Spitze der CDU gekürt. Die Pastorentochter aus Mecklenburg-Vorpommern hat Deutschlands wichtigste Partei 18 Jahre lang auf Kurs und 13 Jahre an der Macht gehalten. „Ich bin dankbar für die Zeit, die hinter mir liegt“, sagt sie.

Bei ihrer Rückzugsankündigung hatte sie für dieses Gefühl bemerkenswerte Worte gefunden: „Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren. Und das habe ich auch nie vergessen.“

BILD blättert im Album von Merkels zunächst kometenhaftem CDU-Aufstieg.

1991: Familien- und Jugendministerin

Merkel ist 37 Jahre jung, als Helmut Kohl sie als Ministerin für Frauen und Jugend in sein Kabinett holt.

Deutschland 1991: Fußballweltmeister und wiedervereinigt. Der Warschauer Pakt ist gerade aufgelöst. Die Postleitzahlen sind vierstellig, das Internet gerade erfunden (aber selbst für Bill Gates noch Neuland). Im schmelzenden Alpen-Eis wird die Gletscherleiche Ötzi entdeckt. Die Scorpions singen „Wind of Change“, der beliebteste Jungenname für Neugeborene in Deutschland ist: Kevin.

Als Ministerin ist ihr Wirkungskreis zunächst beschränkt, doch als im Juni 1993 das Amt des CDU-Landesvorsitzenden von Mecklenburg-Vorpommern frei wird, greift Merkel zu.

1994 folgt Merkel überraschend als Umweltministerin auf Klaus Töpfer. Größtes Reizthema ihrer vierjährigen Amtszeit: Die Suche nach einem Endlager für Atommüll, der Streit um Gorleben.

1998: Aufstieg zur CDU-Generalsekretärin

Die Bundestagswahl 1998 geht krachend verloren, Kohl muss Gerhard Schröder als Kanzler weichen. Am 7. November 1998 wird Wolfgang Schäuble beim Parteitag in Bonn neuer Parteichef. Er schlägt Angela Merkel als Generalsekretärin vor.

Die CDU-Spendenaffäre bringt Kohl und Schäuble ins Zwielicht. Ihr Teil-Rückzug führt zum neuen Spitzenduo Friedrich Merz (Chef der Unionsfraktion ab Februar 2000) und Angela Merkel (Kandidatin für den Parteivorsitz). Zu Merkels frühen Unterstützern gehört der spätere Bundespräsident Christian Wulff, einer ihrer frühen Gegenspieler ist Volker Rühe.

Das Verhältnis zu Merz ist zunächst respektvoll und offen, aber von Anfang an geprägt von Rivalität.

2000: Sprung an die Parteispitze

Nach Schäubles Rücktritt im Februar 2000 ist die CDU einige Wochen lang führungslos. Dann läuft alles auf Angela Merkel als neue Parteichefin zu, die beim Parteitag in Essen mit 897 von 935 Stimmen gewählt wird.

Deutschland im Jahr 2000: Formel-1-Held Michael Schumacher rast im Ferrari zum Weltmeistertitel. Erleichterung, weil sich sämtliche mit dem Jahrtausendwechsel verknüpfte düsteren Prophezeiungen als Schall und Rauch entpuppt haben.

Im Radio läuft Britney Spears, im Fernsehen erstmals „Big Brother“ mit Zlatko. Harry Potter verzaubert die Bücherwelt. Wer ein Nokia-Handy besitzt, verdaddelt seine Pausen mit „Snake“.

Merkel lässt Stoiber den Vortritt

Merkel arbeitet akribisch am Ausbau ihrer Macht. Für die Kanzlerkandidatur 2002 bringen sich sowohl Merz als auch CSU-Chef Edmund Stoiber in Stellung. Merkel verzichtet schließlich zugunsten des Bayern, dem im Duell mit Schröder größere Chancen eingeräumt wurden. Ihr taktisches Meisterstück.

Gegen dessen Willen löst Merkel ihren Rivalen Merz als Fraktionschef ab, um sich als Oppositionschefin selbst für die nächsten Bundestagswahlen in Position zu bringen. Von seinem Trost-Amt als Fraktionsvize tritt Merz im Dezember 2004 zurück.

Für 14 Jahre verabschiedet er sich aus der Spitzenpolitik.

2005: Endlich Kanzlerin

Dreieinhalb Jahre später – SPD-Kanzler Gerhard Schröder hatte die Wahl vorgezogen – kürt die Union Angela Merkel zur Kanzlerkandidatin.

Das Ergebnis, das sie im Herbst holt, ist zwar nicht berauschend. Doch als Chefin einer Großen Koalition straft sie den in einer legendären aus der TV-Elefantenrunde auf Krawall gebürsteten Gerhard Schröder („Sie wird keine Koalition mit meiner Partei zustande kriegen. Machen Sie sich da nichts vor”) Lügen.

Selbst in der Union kann sich damals niemand vorstellen, dass Merkel 13 Jahre nach ihrer Wahl (und der Gratulation Schröders im Bundestag) immer noch die Geschicke Deutschlands lenken wird, während ihr Vorgänger überwiegend als Russland-Lobbyist in Erscheinung tritt.

2007: Weltpolitik „Made in Mecklenburg“

Der G7-Gipfel in Heiligendamm wird trotz massiver Gegenproteste ein Erfolg: Merkel im Kreis der Großen, neben Putin und Bush im Strandkorb – das verändert den Blick der Deutschen auf die Kanzlerin mit Wurzeln in der Uckermark.

Trotzdem sind es bei der Bundestagswahl 2009 – die Finanzkrise drückt die Stimmung – vor allem die Zugewinne der FDP, die der Union eine schwarz-gelbe Wunsch-Koalition ermöglichen.

Der Rest ist bekannt: Einige Minister der Liberalen – Ausnahme: Außenminister Guido Westerwelle (†) – wirken von der neuen Verantwortung überfordert. Die Partei stürzt in der Wählergunst ins Bodenlose.

Merkels alter Weggefährte Christian Wulff zieht 2010 als Bundespräsident ins Schloss Bellevue. Im Februar 2012 tritt er in der Affäre um einen günstigen Privat-Kredit wegen des „Vertrauensverlusts“ zurück.

2015: Ein Jahr zum Vergessen

Deutschland im Jahr 2015: Ein Jahr zum Vergessen. Es beginnt mit dem islamistischen Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ (11 Tote) und endet mit dem Bataclan-Blutbad in Paris (130 Tote). ISIS verbreitet Angst und Schrecken. Deutschland diskutiert über Pegida, gruselt sich vor Ebola und trauert um die Opfer des absichtlich herbeigeführten „Germanwings“-Absturzes – und um Altkanzler Helmut Schmidt. Der VW-Betrugsskandal kommt ans Licht, Putin befeuert den Krieg in der Ost-Ukraine.

Im Kino läuft „Fifty Shades Of Grey“, auf Sky die fünfte Staffel von „Game Of Thrones“. Aus den Hightech-Kopfhörern, die man jetzt überall sieht, dröhnt jetzt Ed Sheeran oder Helene Fischer.

Es wird das Jahr, das Merkel (Wahlkampfslogan: „Sie kennen mich“) als das schwierigste Jahr ihrer Amtszeit in Erinnerung behalten wird – und gleichzeitig das Jahr, in dem das Zerwürfnis zwischen den Schwesterparteien CDU und CSU seinen Anfang nimmt.

Erst der Krach um das dritte Rettungspaket für die notorisch reformunwilligen Griechen. Dann die Flüchtlingswelle und Merkels Satz, der das Land in Anbetracht des gefühlten Kontrollverlusts der Groko-Regierung spaltet: „Wir schaffen das“.

2018: Merkels Abschied in Raten

Die Bundestagswahl 2017 beschert Angela Merkel noch einmal den Regierungsauftrag – doch auf neuen Elan einer von vielen gewünschten Jamaika-Regierung hofft das Land vergebens.

Wahlverlierer Martin Schulz (SPD) vollzieht eine Kehrtwende – und verhandelt die neue GroKo, die den Volksparteien in Anbetracht der Umfragewerte als kleineres Übel erscheint. Der Neustart wird überschattet von Streits und Misstrauen.

In der CDU rumort es mehr denn je. Sichtbares Zeichen ist die Abwahl von Fraktionschef Volker Kauder. Angela Merkel regelt ihr Erbe, u.a. mit dem Vorschlag von Annegret Kramp-Karrenbauer zur Generalsekretärin.

Sie freue sich auf die Entscheidung über ihre Nachfolge, sagt sie zu den Reportern in Hamburg. „Das ist Demokratie pur, wenn Auswahl besteht. Und den Rest werden die Delegierten entscheiden.“

Obwohl sie stets beteuert hatte, dass Kanzlerschaft und Parteivorsitz in eine Hand gehörten, bietet Angela Merkel an, bis maximal 2021 Bundeskanzlerin zu bleiben.

In Hamburg sagt sie Tschüß zum Partei-Spitzenamt. In Berlin will sie weiter dem Land dienen.

„Es war mir eine große Freude, es war mir eine Ehre“

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