Politik

Erster Mitarbeiter verlässt den „Spiegel“

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Seit dieser Woche untersucht eine Kommission, wie die gefälschten Geschichten des „Spiegel“-Reporters Claas Relotius (33) in dem Nachrichten-Magazin landen konnten.

▶︎ Das dreiköpfige Team prüft laut dem „Hamburger Abendblatt“ seit Montag, was in den Redaktions-Abläufen konkret schiefgelaufen ist. Reporter Relotius hatte über Jahre hinweg teilweise oder komplett gefälschte Artikel veröffentlicht – trotz Kontrollmechanismen, auf die der „Spiegel“ bisher stolz war.

Ein Bereich besonders unter Druck

In der Kommission sitzt neben zwei „Spiegel“-Redakteuren auch die ehemalige Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“, Brigitte Fehrle. Klar scheint schon jetzt: Es bleibt nicht nur beim Untersuchen!

▶︎ Ein Mitarbeiter aus der Dokumentations-Abteilung des Magazins, in der die Geschichten auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden sollen, soll vorzeitig in den Ruhestand gegangen sein, schreibt das „Hamburger Abendblatt“ und beruft sich auf Redaktionskreise. Der besagte Dokumentar arbeitete für das Gesellschaftsressort, für das Relotius schrieb.

Nicht klar ist, ob Druck auf ihn ausgeübt wurde und er deshalb das Angebot für den Vorruhestand annahm. Bislang äußerte sich der betroffene Mitarbeiter nicht; auch der „Spiegel“ sagte, man äußere sich nicht zu „einzelnen Vertragsverhältnissen“.

Fehler hätten entdeckt werden müssen

Ein anderer „Spiegel“-Reporter hatte im Dezember, nach Bekanntwerden des Skandals, eine Geschichte von Relotius nachrecherchiert und kam zu dem Schluss: In der Dokumentation hätten die Fehler entdeckt werden müssen, wenigstens einige davon. Da sei „viel schiefgelaufen“.

▶︎ Auch der Leiter des Gesellschaftsressorts, Matthias Geyer, ist in der Kritik, sollte eigentlich zusammen mit Ullrich Fichtner – ebenfalls Relotius-Förderer – in die Chefredaktion aufsteigen. Beide lassen ihre neuen Verträge erst einmal ruhen.

Das Gesellschaftsressort, für das Relotius schrieb, hat bei dem Hamburger Nachrichten-Magazin einen besonderen Status. Leiter Geyer ließ sich ungern Vorschriften machen. Der Dokumentar zum Beispiel, der für das Ressort zuständig war, saß auf demselben Flur wie die Redakteure. Die meisten anderen Fakten-Checker sind dagegen räumlich getrennt von der Redaktion, berichtet das „Hamburger Abendblatt“.

In einem Brief an die Mitarbeiter des Magazins schrieb „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann, der Fälscher-Fall habe „bei einigen die Frage aufgeworfen, ob Ullrich Fichtner als Chefredakteur und Matthias Geyer als Blattmacher nach einem solchen Desaster eigentlich noch tragbar sind“. Der eine (Fichtner) habe „Claas für den ,Spiegel‘ entdeckt, der andere hat ihn fest angestellt und bis zuletzt geführt“.

Der Hintergrund

Ex-„Spiegel“-Mann Relotius, dessen Reportagen in Deutschland preisgekrönt waren und der von CNN 2014 als „Journalist des Jahres“ geadelt wurde, hatte in seinen Geschichten Personen, Zitate, Szenen oder Fakten erfunden oder verdreht.

Aufgedeckt wurde der Skandal von seinem Kollegen Juan Moreno – dessen Skepsis an Relotius’ Arbeit zunächst auf taube Ohren in der Redaktion stieß. „Die haben mir einfach nicht geglaubt“, sagte Moreno in einem von „Spiegel Online“ veröffentlichten Video über den Versuch, seinen Chefs von dem Lügen-Reporter zu berichten. Am 19. Dezember gab der „Spiegel“ den Fälschungs-Skandal in eigener Sache bekannt, zwei Tage nach Relotius’ Kündigung.

  • Affäre um „Spiegel“-Fälscher

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    „Spiegel“-Fälscher Relotius hat Fehler eingestanden, Auszeichnungen zurückgegeben. Aber was ist eigentlich mit den Preisgeldern?

  • BILD zu Besuch in Fergus FallS

    Die getäuschte Stadt

    Ein Dorf in den USA wehrte sich gegen den „Spiegel“-Fälscher Claas Relotius. BILD sprach vor Ort mit den Bewohnern.

  • Wegen Fälschungen

    „Spiegel“-Chefs lassen ihre neuen Verträge ruhen

    In der Affäre um gefälschte Geschichten des Reporters Claas Relotius (33) hat der „Spiegel“ weitere personelle Konsequenzen gezogen.

Inzwischen hat Relotius Auszeichnungen zurückgegeben und Preisgelder teilweise zurückgezahlt, laut „Hamburger Abendblatt“ zum Beispiel 6000 Euro an die Ulrich-Wickert-Stiftung. Nach BILD-Recherchen kassierte der Reporter in den vergangenen Jahren insgesamt bis zu 40 000 Euro Preisgeld.

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